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Die blinde Magd und das Krokodil

Die blinde Magd und das Krokodil

Am 14. August 1874, einem Freitag, wurde die kleine Margaretha Hofmann in Sandlofs geboren. Sie war das jüngste Kind von Kaspar und Katharina Hofmann. Margaretha und ihre sieben Geschwister hatten eine, zur damaligen Zeit, sorglose und glückliche Kindheit.

Margaretha wurde mit sechs Jahren in der Dorfschule Sandlofs eingeschult. Lehrer Heinrich Winter lehrte sie alles, was sie für das zukünftige Leben wissen musste. Vormittags ging sie zur Schule und nachmittags half sie ihrer Mutter im Haushalt. Der Vater verdiente mit der Herstellung und Reparatur von Wagenrädern den Unterhalt für die Familie. Gemüse und Obst wurde im eigenen Garten angebaut. In einem kleinen Stall konnte die Familie sogar ein paar Schweine für den Eigenverbrauch füttern.

Eines Tages war es soweit – Margaretha wurde konfirmiert. Sie war nun kein Kind mehr, sondern zählte ab dem Tag der Konfirmation zu den Erwachsenen.

Im gleichen Jahr starb ihr Vater. Ihre älteren Brüder Johannes und Kaspar waren zu dieser Zeit schon verheiratet. Ihr Bruder Conrad war 1886 mit seiner Verlobten nach Amerika ausgewandert. Margaretha und ihre Schwester Katharina mussten sich nun um eine Anstellung auf einem Bauernhof bemühen.

Margaretha, die junge heranwachsende Dame, fand eine Anstellung als Magd in Unter-Schwarz. Nun lernte sie die Arbeit auf einem Bauernhof kennen. Von frühmorgens bis in den späten Abend stand sie auf den Beinen und verrichtete die, ihr täglich zugeteilte, Arbeit. Gleich am frühen Morgen fütterte sie das Vieh, molk die Kühe und mistete den Stall aus. Erst danach, wenn draußen alles versorgt war, konnte sie mit der Familie frühstücken. Im Sommer und Herbst, wenn die Ernte anstand, konnte sie sich von der vielen Arbeit kaum noch auf den Beinen halten. Maschinen, die die Arbeit auf einem Bauernhof, erleichtern sollten, gab es noch nicht. Margaretha musste alles mit den eigenen Händen verrichten. Mähen mit der Sense, Heu wenden mit dem Rechen, mit der Heugabel das Heu auf einen Wagen hieven und viele andere Arbeitsgänge wurden mit Geduld und viel Schweiß erledigt.

Heuernte im Schlitzerland

Es gab für Margaretha aber auch viele schöne und erholsame Stunden. So wurde zum Beispiel die Brotzeit mitten auf dem Feld gehalten. Ein großes Tischtuch wurde auf die Erde gelegt und Brot, Butter, Wurst und Getränke darauf verteilt. Alle Helfer setzten sich rund herum und genossen das festliche Mahl unter freiem Himmel. Es wurden dabei Geschichten erzählt und der restliche Tagesablauf besprochen. Heute würde man „Picknick“ dazu sagen. Bei der Kartoffelernte wurden am Abend die Sträucher aufgehäuft und entzündet. Dann steckten sie die kleinen Kartoffeln an einen angespitzten Stock und hielten diese ins Feuer bis sie durchgegart waren. Das war ein festliches Essen für die Erwachsenen, und besonders die Kinder hatten ihren Spaß daran.

Nach der Ernte wurde es dann etwas ruhiger auf dem Bauernhof. So hatte Margaretha an den Wochenenden auch einmal Zeit ihre Familie in Sandlofs zu besuchen. Da ihre Mutter mittlerweile auch schon verstorben war, hatte sie nur noch ihren Bruder Johannes und ihre Schwester Katharina in Sandlofs. Um nach Sandlofs zu kommen, musste sie an der Fulda entlang einen Fußmarsch von über einer Stunde in Kauf nehmen. Bei ihren Geschwistern angekommen, wurde Kaffee getrunken, frisch gebackener Blechkuchen gegessen und Neuigkeiten ausgetauscht. Gegen Nachmittag trat Margaretha den Heimweg wieder an. Sie musste ja pünktlich in Unter-Schwarz zum Melken und Füttern wieder da sein.

Margaretha war eine glückliche und zufriedene Frau. Bis eines Tages das Schicksal ihr junges Leben veränderte.

Durch mysteriöse Umstände verlor Margaretha ihr Augenlicht. Es war schrecklich, nichts mehr sehen zu können. Alles war nur noch schwarz um sie herum. Als Magd war sie für den Bauern keine vollständige Arbeitskraft mehr. Sie fiel in ein großes Loch und wusste nicht mehr weiter. Der Arzt in Schlitz wusste sich auch keinen Rat, und er beschloss erst einmal, seine Kollegen im Umkreis zu befragen.

Nach langem Hin und Her entschieden die Ärzte, Margaretha in eine Augenklinik zu schicken. Bis Margaretha die Reise zur Augenklinik in Cannstatt antreten konnte, vergingen abermals ein paar Wochen. Verunsichert und blind saß sie dann endlich im Zug und grübelte über ihre Zukunft nach. Würde sie überhaupt noch eine Zukunft haben?

In Cannstatt wurde sie freundlich und fürsorglich von Ärzten und Schwestern behandelt. Alle gaben sich große Mühe, es Margaretha so angenehm, wie möglich zu machen.

Mit großer Geduld ertrug Margaretha die Untersuchungen und auch die Behandlungen. Sie war sehr einsam und hatte Heimweh nach dem Schlitzerland. Die Zeit verging nur sehr langsam für die blinde junge Frau. Aus Tagen wurden Monate, und es war noch keine Besserung in Aussicht.

Helfer einer Mission kamen jeden Tag in die Klinik und gaben den Patienten Gottes Beistand. So entschloss sich Margaretha, Hilfe bei Gott zu suchen.

Sie betete jeden Tag zu Gott und bat ihn, ihr das Augenlicht wieder zu geben.

Eines Tages stellte Margaretha fest, dass sie vage Umrisse erkennen konnte. Ab diesem Tag ging es bergauf. Das Wunder war geschehen.

Es dauerte aber noch ein paar Monate bis ihr Augenlicht wieder vollständig hergestellt war. Margaretha lebte wieder auf und war glücklich was ihre Zukunft betraf.

Die Ärzte waren sehr zufrieden mit dem Ergebnis ihrer Behandlungen und entließen Margaretha als geheilt nach Hause.

Doch Margaretha wollte gar nicht mehr nach Hause. Die Helfer der Mission erzählten ihr viel über ein Projekt in Ägypten. Hier sah Margaretha ihre zukünftige Berufung.

In Assuan, in Ägypten,  sollte eine Mission gegründet werden. Und so entschied Margaretha, sich den Helfern der Mission anzuschließen. Sie schrieb noch einen kurzen Brief an ihre Geschwister, um ihnen die Neuigkeit mitzuteilen.

Margaretha hatte ihren 25. Geburtstag schon lange hinter sich und schaute mit Zuversicht in die Zukunft.

Die ägyptische Stadt Assuan sollte als Ausgangspunkt für eine Missionstätigkeit im Sudan dienen. Es wurde ein deutsches Wohltätigkeitskrankenhaus errichtet.

Margaretha ging voll und ganz in ihrer Arbeit auf. Hier wurde sie gebraucht und konnte sinnvoll helfen.

Viele Helfer der Mission waren aus Deutschland und halfen bei dem Aufbau mit. Margaretha war ein Teil von ihnen. Sie war stolz darauf. Viele Freundschaften wurden in dieser Zeit, geschlossen.

Auf diesem Weg lernte sie den gut aussehenden Karl Hans Ludwig Antoni kennen. Er war nur vier Jahre älter als sie. Die beiden verliebten sich ineinander und heirateten am 30. Juni 1902 in Assuan.

Neben ihrer Arbeit bei der Mission lernten die beiden mehr von Assuan kennen.

Bei einem Spaziergang durch die Stadt, trafen sie auf einen Händler, der präparierte Tiere für Touristen anbot. Kurz entschlossen kauften sie ein ausgestopftes Krokodil.

Margaretha und Karl Hans Ludwig verließen nach einiger Zeit die Mission und Ägypten. Sie gingen wieder nach Deutschland zurück. Karl Hans Ludwig war gelernter Tapeziermeister und wollte wieder in seinem Beruf arbeiten.

Kurz nach dem sich die beiden in Bensheim nieder gelassen hatten, stellte sich Nachwuchs bei ihnen ein. Ein Mädchen namens Anni machte ihr Leben komplett.

Tochter Anni ca. 14-15 Jahre alt in Schlitzerländer Tracht

Ihren Geburtsort Sandlofs hat Margaretha nie vergessen. Gemeinsam mit ihrer Familie besuchte sie regelmäßig ihre Geschwister. Bei einem dieser Besuche übergab Margaretha dem damaligen Lehrer das erstandene Krokodil aus Ägypten. Dieses Krokodil diente über Jahrzehnte hinweg, als Anschauungsmaterial für mehrere Generationen von Schülern. Nach der Auflösung der Dorfschule, bekam das Krokodil einen Platz im Heimatmuseum in Schlitz.

Margaretha starb am 30 Juni 1939 in Bensheim.

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