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Die Verbannung Teil 1

Die Verbannung 01

Die Verbannung

von [Eulalia]

 

Ostern 1732

Endlich, es war soweit.

Kunigunde packte ihre spärliche Habe zusammen, die nur aus dem Nötigsten bestand, das sie für den etwa vierstündigen Fußmarsch benötigte.  Bevor sie ihre Reise begann, wollte sie unbedingt wenigstens ein paar Stunden Schlaf  finden, um bei Tagesanbruch für den beschwerlichen Weg nach Hause gerüstet zu sein.

Doch sie fand in dieser Nacht keinen Schlaf, denn die Zeit ihrer Verbannung war mit dem Osterfest zu Ende. Sie empfand eine unbändige Freude, endlich wieder in ihr Heimatdorf Niederaula zurück zu kehren. Obwohl man ihr dort so übel mitgespielt hatte, empfand sie keinen Groll auf ihre Mitmenschen. Jeder im Dorf wusste, dass sie sich niemals freiwillig auf einen fremden Mann eingelassen hätte. Zu schlimm waren die Strafen, die auf Ehebruch standen.

Kunigundes Ehemann, Kilian,  war Sergeant bei der preussischen Armee. Sie mochte das Leben im Soldatentross nicht und war vom ständigen Heimweh nach der Sicherheit ihrer Familie und Dorfgemeinschaft beseelt.  Schon gar nicht wollte sie ihre neugeborenen Kinder diesem Leben aussetzen. Kriege, Schlachten und kleinere Scharmützel waren ihr täglicher Begleiter, nie sesshaft, immer unterwegs, ohne eine warme Stube, nur im zugigen Zelt,  und immer in der Sorge, ob Kilian heil und gesund aus der Schlacht wiederkehren würde.

Zu oft hatte sie die Verzweiflung verwitweter Soldatenfrauen miterlebt, die plötzlich ohne Ernährer und Beschützer waren. Es gab zwar Unterstützung seitens der preußischen Armee, jedoch nur so lange, wie die Ehemänner am Leben blieben. Fiel ein Soldat, erhielten die Ehefrauen eine Abfindung, mussten jedoch samt ihrer Kinder den Tross unverzüglich verlassen, es sei denn, sie unterwarfen sich den militärischen Regeln und verdingten sich als Marketenderinnen.

Für Kunigunde war diese Option eine Ungeheuerlichkeit, war doch die Prostitution eine Dienstleistung, die mit dem Handel von Dingen für den täglichen Soldatenalltag verbunden war. Es war unmöglich, das Eine vom Anderen zu trennen.

Seitdem ihr erstes Kind, Anna Eva, geboren war, und vier Wochen später starb, hatte Kilian ein Einsehen, dass Kunigunde wieder in ihrem Heimatdorf Niederaula bei ihrer Familie leben wollte. Von nun an verbrachte Kilian seinen wenigen Urlaub vom Soldatenleben zu Hause. Ihre Schwangerschaft und die Geburt ihres zweiten Kindes, Johannes, erlebte sie in einem behüteten Umfeld mit Menschen, die ihr liebevoll begegneten und ihr unter die Arme griffen, sobald sie Hilfe benötigte. Zu aller Freude konnte Kilian sogar bei Johannes‘ Taufe anwesend sein. Wenn auch nur für ein paar Stunden. Das machte ihr nichts aus, denn wenigstens war er wohlauf. Bereits am Abend der Taufe brach er wieder auf in Richtung seines Lagers nahe Erfurt. Er musste am späten Nachmittag noch das Schiff erreichen, um eine bequeme Passage über die Fulda bis nach Kassel zu  haben.

Trotz der Trennung und der Angst um Kilian fühlte sie sich sicher und geborgen in der dörflichen Gemeinschaft und im Schutz ihrer Familie.  Bis zu dem Tag, der Kunigundes Leben eine dramatische Wendung geben sollte.

Es dämmerte bereits, als ein Soldat bei Mengshausen den Kahn, der ihm eine Mitfahrgelegenheit von Kassel bot, verließ und kurze Zeit später an Kunigundes Haustür klopfte.

Kunigunde, die sichtlich verwirrt war, weil sie sich einem völlig unbekannten Soldaten gegenüber sah, trat vors Haus und schloss die Haustür hinter sich.  Doch sogleich erklärte sich der Soldat. Er sei ein  Kamerad ihres Mannes, sein Name sei Conrad und er stamme aus Schorbach bei Ottrau, das etwa noch dreieinhalb Stunden Fußmarsch in westlicher Richtung lag.  Der Schäfer Gömbel, der gerade seine imposante Schafherde nach Niederaula trieb,  habe ihm den Weg zu ihr beschrieben, erklärte er weiter. Er wolle die Nacht lieber im sicheren Niederaula verbringen und erst am nächsten Morgen die restliche Strecke zu seinem Heimatort antreten. Deshalb erkundigte er sich, ob Kunigunde vielleicht einen Schlafplatz für einen Kameraden ihres Ehemannes habe.

Es war ihr sehr unangenehm, den Soldaten abzuweisen, war er doch ein Kamerad ihres Mannes Kilian. Ihre Gedanken überschlugen sich und blitzschnell entschied sie sich, dem Soldaten den Holzverschlag außerhalb des Hauses anzubieten. Der Soldat schien erleichtert zu sein. Das wiederum beruhigte Kunigunde. Sie war arglos und bot ihm an mit ihr  gemeinsam das Abendessen im Haus einzunehmen.

Während des Essens überkam Kunigunde ein schlechtes Gewissen, ihn im Holzverschlag unterzubringen. Er tat ihr leid, denn sie wusste von den Strapazen unter freiem Himmel bei Wind und Kälte. Deshalb bot sie ihm nach dem Essen an, neben dem Herd ein Lager aufzuschlagen, damit er vor der Kälte geschützt sei. Sie ging nach draußen und kam mit einer Kötze voll Stroh zurück, welches sie vor dem Küchenofen großzügig in einer dicken Schicht verteilte. Mit schweren Leintüchern bedeckte sie die Strohschicht. Zusätzlich legte  sie Conrad noch die Schafwolldecke dazu, die Kilian beim letzten Besuch Anfang des Jahres, mit nach Hause brachte. All das  nahm er dankend an. Kunigunde wünschte ihm eine gute Nacht und ging die Treppe hinauf in ihr Schlafzimmer, wo der kleine Johannes bereits seit zwei Stunden schlief.

Der Nachtwächter schritt gerade seine mitternächtliche Runde durch die engen Gassen, als Kunigunde von dessen lauten Rufen erwachte. Zu jeder vollen Stunde kam er an ihrem kleinen Häuschen vorbei und verkündete die Uhrzeit. Sie wunderte sich, dass sie davon erwachte, denn sie hatte stets einen tiefen Schlaf. Doch sogleich wurde ihr bewusst,  wovon sie tatsächlich aufwachte. Schritte,  –  die unentschlossen auf und ab gingen! Es  dauerte einen Moment, bis sie sich erinnerte, dass sie einen Gast beherbergte. Voller Unbehagen lauschte sie  den Schritten im unteren Küchenbereich, die immer wieder vor der Treppe, die zu ihrem Zimmer führte,  innehielten. Angst breitete sich in ihr aus, ihr Herz raste. Schnell versicherte sie sich, dass ihr Kind friedlich schlief. Da waren sie wieder – die Schritte, die sie jetzt deutlich auf der knarzenden Treppe zu ihrem Zimmer vernahm. Augenblicklich bereute sie, dass sie dem Schorbacher Soldaten einen Schlafplatz in ihrem Haus angeboten hatte. Konnte sie ihm überhaupt vertrauen? Sie musste ihm glauben, dass er ein Freund und Kamerad ihres Mannes war. Sie wollte das auch glauben, denn wenn sie es in Frage stellte, dann wäre sie vollends verloren, denn auch die Angst um ihren dreijährigen Johannes wuchs. Kunigunde wappnete sich, um dem Mann mutig entgegen zu treten, denn sie wollte nicht, dass ihr Kind geweckt wurde und sie in diesem verängstigen Zustand erlebte. Schnell zog sie sich ihren warmen Rock über und trat mutig  aus ihrer Stube in Richtung Treppe. Doch weiter kam sie gar nicht, denn der fremde Schorbacher stand bereits vor ihr und versperrte ihr den Weg. Böse grinste er sie an und fragte, ob sie seine Gedanken erraten könne.

Sie konnte nicht mehr antworten, denn er schlang seinen rechten  Arm von hinten um sie. Mit der anderen Hand hielt ihr den Mund zu, damit sie nicht schrie und damit vielleicht noch den Nachtwächter dazu brachte, ihr zu Hilfe zu kommen. Kunigunde war unfähig, sich zu wehren. Sie hatte das Gefühl, ihre Lunge würde zusammen gepresst. Voller Panik trat sie nach hinten gegen seine Schienbeine. Doch das hatte nur zur Folge, dass er seinen Arm noch fester um sie schloss und ihr etwas ins Ohr zischte, was sie aber nicht verstand. Sie hörte nur den boshaften Unterton in seiner Stimme. Plötzlich lockerte er seinen Schraubgriff und stieß sie die Treppe hinunter. Sie fühlte, dass sie ohnmächtig wurde und hoffte es  im selben Moment. Sie wusste, dass sie  ihm nicht mehr entkommen würde.  Kunigunde beschloss, ihm nachzugeben, um wenigstens zu verhindern, dass der kleine Johannes Zeuge ihrer demütigenden Situation wurde. Er zerrte sie an ihren Haaren auf sein Lager vor dem Ofen, welches sie ihm, in ihrer Gutgläubigkeit und Naivität, warm und weich hergerichtet hatte. Sie schloss die Augen und ließ das Unaussprechliche über sich ergehen.

Fortsetzung Teil 02 ….weiterlesen

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