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Die Verknüpfung des Schicksals

Diese Geschichte habe ich von Erna Hintz, geborene Stang aus Niederaula, originalgetreu übernommen. Veröffentlicht wurde die Geschichte im Februar 2010 in „Mein Heimatland“, Zeitschrift für Geschichte, Volks-und Heimatkunde.

Da ich den letzten Jahren vermehrt über Berichte über das Schicksal jüdischer Mitbürger gelesen habe, möchte ich nach langem Zögern nun doch von der Schwere der Jahre, die wir in meinem Elternhaus erlebten, berichten.

Nach der Machtübernahme Adolf Hitlers 1933 wurden die jungen Menschen dienstverpflichtet. Mit 10 Jahren trat auch ich in die Jungmädchenschar ein. Es gab einheitliche Uniformen, auf die wir sehr stolz waren. Mein Vater, der ein großer Gegner des Hitlerregimes war, konnte sich nie an der damaligen Entwicklung freuen, da ja der Judenhass schon Überhand genommen hatte. Oft lebten meine Geschwister und ich in großer Angst, da meine Eltern unseren nächsten Judennachbarn, Familie Speier, täglich beistanden. Juden zu helfen und zu schützen war ein großes Verbrechen. In der sogenannten Reichskristallnacht, in der alle Lichter im Dorf ausgingen, die jüdischen Mitbürger gepeinigt und ihre Häuser mit Steinen beworfen wurden, kam es zu einem schweren Zwischenfall in meinem Elternhaus. Das Lebensmittelgeschäft von Salomon (Sally) und Bernadette (Bernie) Speier wurde zerstört. Bernadette, die Freundin meiner Mutter, konnte Gott sei Dank entwischen und versteckte sich im Stroh unserer Scheune. Mein Vater, der nachts im Stall nach einem neu geborenen Kälbchen sehen wollte, entdeckte die völlig durchgefrorene Bernadette Speier. Bittend flehte sie; „Hans schick mich nicht fort“. Er nahm sie in den Arm und führte sie selbstverständlich zum Schlafzimmer, wo sie sich neben meiner Mutter in Vaters warmen Bett aufwärmen konnte. Er selbst legte sich im Wohnzimmer aufs Sofa.

Am anderen Morgen war die Sache schon verraten. Mein Vater fuhr ahnungslos mit dem Fahrrad nach Hattenbach zur Baufirma Schilling. Dort wurde er schon am Vormittag von einem Parteimitglied aus Niederaula und dem damaligen Gendarmen verhaftet. Als das Parteimitglied meinem Vater die Handschellen anlegte, sagte der Chef der Baufirma: „Meine Herren, Herr Stang hat bis jetzt gearbeitet, lasse sie ihn bitte erst sein Frühstücksbrot essen“. Die SA-Männer, Vaters Widersacher, brachten ihn ins Gefängnis nach Bad Hersfeld. Erwähnen möchte ich dazu, dass dieses Geschehen schon am anderen Morgen in der Schule verbreitet war. Meine Geschwister und ich mussten stehen, was uns sehr peinlich war, alle verachteten uns. 

Nach sechs Wochen U-Haft war dann Vaters Verhandlung. Der Menschlichkeit des Herrn Amtsgerichtsrats Heussner, der den Vorsitz führte, ist es zu verdanken, dass Vater frei kam. Er sagte: „Der Herr Stang war bis jetzt ein unbescholtener Mann, ich plädiere für Freispruch!“

Ich möchte noch das weitere Schicksal der Familie Speier erwähnen. Salomon Speier wurde in der sogenannten Reichskristallnacht in der Bahnhofstraße in Niederaula zusammengeschlagen und kam später ins Gefängnis nach Kassel. Dort eingekehrt kam ein Wärter und holte ihn zum Freigang ab. Dabei erkannte dieser Wärter Sally Speier, der in Hoof, einem Ort bei Kassel, geboren war und dort gemeinsam mit ihm zur Schule ging. Durch diesen Wärter gelang Salomon Speier ein paar Tage später die Flucht aus dem Gefängnis. Zusammen mit seiner Frau, durch weitere Hilfe einem Herrn Hofmann aus Niederaula und meinem Vater, kam er noch nach Hamburg und konnte von dort aus per Schiff nach Amerika ausreisen, wo schon die beiden Söhne und Verwandte wohnten.

Nun noch das weitere Geschehen in meinem Elternhaus. Ein viertel Jahr nach der U-Haft in Hersfeld war mein Vater mit zwei Männern, die ebenfalls gut zu Juden waren, in der Gastwirtschaft Levi, um über die Ländereien der Juden zu sprechen. Darauf hin wurde er wieder verhaftet und kam in das Gefängnis nach Oberaula, wo er Schweres erleiden musste. Nun hieß es: Der Stang kommt nach Buchenwald. Durch diese Aufregung wurde er sehr magenkrank, kam aber noch zum Volkssturm, wo er wegen Krankheit wieder entlassen wurde. Später kam er in eine Klinik nach Marburg, wo er als Nicht-Nazi nicht gut behandelt wurde. Nach einem Abschiedsbrief an meine Mutter verstarb er am 22. März 1942 mit 41 Jahren. Ich war gerade 14 und meine Mutter 43 Jahre alt.

Als dann der Krieg aus war, kam die erste Post von Speiers aus Amerika. Sie waren sehr traurig, als sie von dem schweren Schicksal unserer Familie erfuhren. Sie schickten nun viele Pakete an meine Mutter, um dadurch an ihr wieder etwas gut zu machen. Wir wurden auch zweimal von den Speiers nach Amerika eingeladen, wo wir jeweils ein paar Wochen bei ihnen verbringen durften und noch mehr ehemalige Niederaulaer jüdische Mitbürger treffen konnten. Mehr darüber zu berichten, gäbe ein Buch für sich.

Berichten möchte ich noch, dass Fred Speier, ein Sohn von Salomon und Bernadette, am Zugang zur Erinnerungshalle Yad Vashem in Jerusalem einen Baum mit meines Vaters Namen hat pflanzen lassen.

 

Kurzbiografie von mir hinzugefügt: 

Erna Hintz geb. Stang wurde am 12. Juli 1927 in Niederaula geboren und heiratete am 16. Oktober 1948 Reinhold Hintz. Erna starb am 03. Juli 2015 im Alter von 87 Jahren. 

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