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Von der Dobrudscha bis in das Schlitzerland

Von der Dobrudscha bis in das Schlitzerland

Eine Geschichte über Vertreibung und Flucht in eine neue Heimat

In Atmagea, ein kleines Dorf in der Dobrudscha, war die Sonne aufgegangen. Hier, in diesem rumänischen Dörfchen lebten deutsche Bauern, die um 1840 hier angesiedelt wurden. So auch die Vorfahren der Familie Hintz. Das Land war ein Platz  landschaftlicher Schönheit. Als die Bauern ankamen, war noch alles mit dichtem Wald bedeckt. Mine, die mir ihre Geschichte erzählte, gab an, dass das Land ein Urwald gewesen sein musste. Die beiden Hauptnamen von Atmagea waren Hinz/Hintz (13 Familien) und Schielke (10 Familien). Diese Information habe ich aus „Die Deutschen in der Dobrudscha“ von Paul Traeger.

Schräg gegenüber der evangelischen Kirche lag der Matthias Hintz‘ Hof mit Blick zum Goldberg. Matthias und seine Frau Wilhelmine wurden neun Kinder geboren. Christian, Luise, Friedrich, Karoline, Samuel, Emilie, Ottilie und die Zwillinge Samuel und Rudolf. Über Friedrich und seine Familie werde ich versuchen diese Geschichte zu schreiben. Hilfe hierbei gaben mir Mine, die älteste Tochter von Friedrich und seiner Frau Sofie sowie Ottilie, Friedrichs Schwester.

Auf jedem Bauernhof in Atmagea herrschte reges Treiben. Die Tiere mussten gefüttert werden, und das Feld durfte auch nicht vernachlässigt werden. Angebaut wurde hauptsächlich Weizen, Mais, Hafer und Gerste. Vor dem Krieg ließ es sich leicht und gut in Atmagea leben. Keiner musste Hunger leiden.

Friedrichs Ehefrau Sofie, geborene Hinz, stammte auch aus einer kinderreichen Familie. Sie hatte sieben Geschwister und vier Halbgeschwister. Friedrich und Sofie waren Nachbarskinder und heirateten Mitte der 1920 er Jahre. Schon bald stellte sich Nachwuchs ein. Arthur war der Erste. Vier Jahre später gesellte sich Wilhelmine dazu.

Friedrichs Schwestern waren mittlerweile ebenfalls verheiratet und hatten ihre eigenen Familien. Die Brüder halfen aber noch fleißig in der Landwirtschaft mit. Aus diesem Grund entschloss sich Friedrich mit seiner Familie nach Konstanza zu ziehen. Er pachtete dort einen Bauernhof. Die Reise begann 1930 und dauerte einige Tage. Sie liefen über 100 Kilometer, bis sie ihr Ziel erreicht hatten. Friedrich und Sofie bewirtschaften den kleinen Bauernhof, der genug für die Familie her gab. Zusätzlich arbeitete Friedrich noch als Hafenarbeiter, um sich ein bisschen Geld auf die Seite legen zu können. Erneuter Nachwuchs stellte sich 1931 ein. Matthias wurde das Kind genannt. Gleich ein Jahr später kam die kleine Maria auf die Welt. Die Familie war glücklich und zufrieden. Die Eltern verrichteten die tägliche Arbeit. Arthur, der Älteste, half ihnen schon dabei. Diese Idylle sollte aber nicht für ewig halten.

Arthur, Wilhelmine, Matthias und Maria Hintz

Friedrich war gerade in das Haus gekommen, um mit seiner Familie Abendbrot zu essen. Sofie hatte den Tisch schon gedeckt. Arthur, Wilhelmine, Matthias und Maria warteten schon auf den Vater. Da hatten sie unerwarteten Besuch bekommen. Es war ein Kurier, der ein Telegramm in der Hand hielt.

Friedrich las es laut vor.

Bitte nach Hause kommen STOP Dein Vater Matthias ist gestorben STOP Deine Brüder sind beim Militär STOP

Was nun? Zu Hause, in Atmagea, war die Mutter Wilhelmine nun auf sich alleine gestellt. Friedrich kündigte die Pacht des Hofes. Dies dauerte auch seine Zeit, bis alles erledigt war. Sie packten die Habseligkeiten auf einen Wagen und zogen Richtung Heimat. Es war ein schönes Gefühl, trotz des traurigen Anlasses, wieder nach Atmagea zu kommen. Sie entschlossen sich aber nicht den direkten Weg nach Atmagea zu nehmen. Da Sofie wieder schwanger war, sollte die Reise über Colelia gehen. Hier wohnte eine Tante von Friedrich. Dort wollten sie Halt machen. Nach fünf Tagen kamen sie in Colelia an. Friedrich besorgte sich gleich eine Arbeitsstelle auf einem Bauernhof. Anfang Mai 1936 erblickte Klein-Erna das Licht der Welt. Sofie sollte sich jetzt noch ein paar Tage erholen, dann hatten sie die Heimreise fortgesetzt. Baby Erna wurde gut eingepackt und die bald vierjährige Maria durfte auf dem Wagen sitzen. Die drei Größeren mussten laufen. Sie hatten die wunderschöne Landschaft der Dobrudscha genossen. Nach vier Tagen erreichten sie den geliebten Heimatort Atmagea.

Friedrich besuchte zuerst das Grab seines Vaters. Mutter Wilhelmine war froh wieder einen Mann auf dem Hof zu haben. Friedrich und Sofie gingen ihren täglichen Pflichten nach, so als wären sie nie weg gewesen. Die Kinder wuchsen heran. Auch die Kleinste gedieh prächtig.

Nach Angaben von Ottilie Steuernagel ist das der Hof der Familie Hintz. Oben auf dem Heu stehen der junge Arthur und seine Mutter Sofie

 

Der Wahnsinn begann

Die politische Lage spitzte sich langsam, aber sicher immer mehr zu. So geschah es, dass der Teenager Arthur zum Arbeitsdienst musste. Auch die zunehmende Verarmung der Dobrudschadeutschen machte kein Halt vor der Familie Hintz. Die Angst vor dem bevorstehenden Krieg lähmte alle im Dorf.

Nach Kriegsbeginn nahm der Zwang zur Umsiedlung 1940 enorm zu. Die Dobrudschadeutschen  mussten ihr Heimatland verlassen. Sie sollten an einem anderen Ort wieder angesiedelt werden. Bei der Familie Hintz kam noch hinzu, dass der erst fünfzehnjährige Arthur vom Arbeitsdienst direkt in den Krieg eingezogen wurde. Sie sollten eine lange lange Zeit nichts von ihm hören. So geschah es, dass nach 100 Jahren kein Deutscher Siedler mehr in der Dobrudscha lebte.

Kurz vor Kriegsbeginn. Sofie und Friedrich, Wilhelmine, Arthur, Matthias, Maria und Erna

Friedrich verkaufte alles, was er in der kurzen Zeit noch verkaufen konnte. Vieles mussten sie zurück lassen. Soldaten im LKW hielten vor der Tür und sammelten alle Menschen aus dem Dorf ein. Nach Erinnerungen von Mine, waren das um die 600 Personen aus Atmagea. Nur mit den nötigsten Sachen ausgestattet, begann für die Familie Hintz eine Reise in die Ungewissheit. Mit dem LKW wurden sie bis Babadag gefahren. Dort ging es mit dem Zug bis zum Donauhafen der Dobrudscha nach Cernavodä. Auf einem Ausflugsdampfer der Donauflotte ging es 1000 Kilometer donauaufwärts in Richtung Deutschland. Zielhafen war Semlin in Serbien. Die große Menschenmasse musste fünf Tage auf dem Schiff aushalten. Dicht gedrängt saßen die Kinder auf dem Gepäck. Die großen Koffer und Kisten waren schon voraus geschickt worden. Ein Glück, dass kein Gepäckstück gefehlt hatte. Von der Donaulandschaft konnte sich die Familie Hintz nicht erfreuen, denn die Sorge um die ungewisse Zukunft, raubte ihnen den Verstand. Die Kinder verhielten sich auf der Reise vorbildlich. Friedrich und Sofie machten sich aber große Sorgen um ihren ältesten Sohn Arthur. Wo war er gerade? Ging es ihm gut? Hoffentlich sahen sie  ihn gesund wieder. All diese Fragen konnte ihnen keiner beantworten. Nach sechs Tagen hatte der Dampfer sein Ziel in Serbien erreicht. In Semlin angekommen, wurden alle Passagiere zum Bahnhof gebracht. Dicht an dicht warteten sie auf den Zug, der sie weiter nach Deutschland transportieren sollte. Nach einer endlosen Wartezeit, fuhr der Zug endlich im Bahnhof Semlin ein. Sofie, Friedrich und seine Mutter Wilhelmine hatten alle Hände voll zu tun, um Gepäck und vor allem die Kinder zusammen zu halten. Mit großer Anstrengung gelang ihnen das auch.

Die über 1000 Kilometer lange Strecke dauerte fast zwei Tage. In Würzburg wurden die Dobrudschadeutschen in umliegende Lager gebracht. Die Familie Hintz hatte Glück. Sie wurden, zusammen mit weiteren 400 Menschen, im Kloster Oberzell einquartiert. Bei der Ankunft bekam jeder, auch die Kinder, ein Schild um den Hals gehängt, worauf geschrieben stand, dass sie Vertriebene waren. Von den hohen und großen Zimmern waren die Kinder überwältigt. In einem Zimmer wurden bis zu vier Familien zugelassen. Um ein bisschen privaten Bereich zu haben, stellten sie die vorhandenen Kleiderschränke mit der Rückseite als Raumteiler aneinander. Die Koffer wurden teilweise ausgepackt. Auf die Betten zogen Sofie und ihrer Schwiegermutter, die in großen Kisten aufbewahrte Bettwäsche auf. In einer Ecke befand sich eine kleine Kochstelle. Hier konnte man zumindest Kaffee oder Tee kochen. Für das Holz zum Feuermachen waren die Männer zuständig. Sie mussten es in den umliegenden Wäldern sammeln. Sofie musste mit anderen Frauen zusammen Hausarbeiten verrichten. Sie putzten das Treppenhaus, wuschen das Geschirr und trugen das Essen auf. Friedrichs Mutter schälte Kartoffeln und putze das Gemüse. Mine, Matthias und Maria sammelten Beeren. Die kleine Erna war noch zu jung, um mitzuhelfen. Von Arthur hatten sie noch immer nichts gehört. Mine erinnerte sich auch noch an ihren elften Geburtstag, den sie im Kloster feiern konnte. Sie bekam von allen ein Ständchen gesungen und war stolz, weil dieses Lied nur für sie alleine war.

Eines Tages hatte Sofie mit Übelkeit zu kämpfen. Ihre Schwiegermutter wusste sofort was ihr fehlte. Sofie war wieder schwanger. Die Schwangerschaft bei dem sechsten Kind war für Sofie schon Routine. Im März 1942 gebar sie den kleinen Hermann in einem nahe gelegenen Krankenhaus. Bei der Anmeldung von Hermann machte der Beamte einen fatalen Fehler. Er schrieb den Nachnamen Hintz verkehrt. In die Urkunde schrieb er HINZ ohne T. Dieser Fehler sollte Hermann sein Leben lang begleiten. Ursache des Fehlers war, dass der Beamte den Geburtsnamen von Sofie (geborene Hinz) annahm. Mit dem kleinen Bündel im Arm wurde sie, im Kloster Oberzell, von ihren Kindern herzlich begrüßt. Die Familie Hintz verbrachte fast zwei Jahre im Kloster Oberzell. Mitte des Jahres 1942 mussten sie ganz plötzlich die Koffer packen. Wohin würde uns der Weg führen? Wo würden wir eine neue Heimat bekommen?

Das große Gepäck wurde wieder voraus geschickt. Dieses mal mussten sie nicht auf den Zug warten. Er stand schon im Bahnhof bereit. Es dauerte eine Weile, bis alle einen Platz im Zug ergattert hatten. Familie Hintz hoffte inständig dass sie in Deutschland neu angesiedelt wurden. Doch der Zug rollte Richtung Polen. Es dauerte einen Tag, bis sie Dietzfeld erreichten. Die Kreisstadt Wielun war 13 Kilometer von Dietzfeld entfernt. Die Familie Hintz wurde auf einem Bauernhof mit 100 Morgen Land angesiedelt. Hier wurden vor noch nicht langer Zeit polnische Bauern vertrieben. Mit soviel Land hatte Friedrich viel Arbeit. Er musste das anbauen und ernten was ihm vorgeschrieben wurde. Seine Mutter und Sofie halfen ihm so gut sie konnten. Mit Hilfe von zwei Pferden wurde geackert und die Ernte eingefahren. Die Kinder konnten endlich wieder in die Schule gehen, und nach der Schule halfen sie fleißig  in der Landwirtschaft mit. Eine Routine hatte sich langsam eingestellt. Morgens die Tiere versorgen, dann auf das Feld gehen. Nach dem Mittagessen dasselbe wieder. Und abends wieder die Tiere füttern und Kühe melken. Nach einem arbeitsreichen Tag, fielen dann alle todmüde ins Bett. Hilfe bekamen sie von einer Flüchtlingsfamilie mit drei Kindern. Diese Familie wurde bei ihnen am Hof einquartiert. Sie waren für Friedrich eine große Entlastung bei der Arbeit.

Nun waren sie schon beinahe ein Jahr in Dietzfeld, da bekamen sie Besuch von einem deutschen Soldaten. Friedrich und Sofie fragten sich, was er wohl wollte. Der Soldat stellte sich als Kamerad von Arthur vor und übergab Friedrich einen Brief. Die Freude war groß. Endlich eine Nachricht von ihrem älteste Sohn zu erhalten.

In dem Brief stand:

Liebe Eltern, mein Kamerad, der Euch diesen Brief übergibt, hat diese Zeilen für mich geschrieben. Ich wurde in Frankreich verwundet. Mir wurde der rechte Unterarm abgeschossen. Aus diesem Grund konnte ich den Brief nicht selbst verfassen, denn mit der linken Hand funktioniert das noch nicht. Zur Zeit befinde ich mich in einem Lazarett in der Nähe von Magdeburg. Hier werde ich wohl noch einige Zeit bleiben müssen. Ich hoffe ihr seid bei bester Gesundheit. Euer Sohn Arthur

Dem Kameraden von Arthur gaben sie etwas zu essen und stellten ihm ein Bett zur Verfügung. Friedrich und Sofie setzten sich zusammen und schrieben Arthur einen Brief. Sie teilten ihm mit, wo sie gerade wohnten. Am nächsten Morgen nahm der Soldat den Brief an sich und verabschiedete sich in Richtung Magdeburg, um Arthur den Brief zu geben. Wie der Kamerad die Familie gefunden hatte, bleibt ein Rätsel.

Das Leben ging nun hoffnungsvoller bei der Familie Hintz weiter. Ein paar Monate später, nach dem Besuch des Soldaten, kam für die vierzehnjährige Wilhelmine ein ereignisreicher Tag. Dazu fuhren Eltern, Oma und Geschwister mit dem Pferdegespann in die Kreisstadt Wielun. In der evangelischen Kirche wurde Wilhelmine, unter 140 weiteren jungen Leuten, konfirmiert.

Das Leben auf dem Hof ging seinen geregelten Lauf weiter. Die Ernte wurde eingefahren. Vorräte wurden für den kommenden Winter eingekocht. Jeder hatte seine Arbeit. An einem Abend saß die Familie am großen Tisch zusammen und aß Abendbrot. Da erzählte Sofie, dass sie wieder ein Kind erwartet. Nach Fragen der Kinder meinte sie, dass es wohl im nächsten Jahr geboren werde. Der einjährige Hermann äußerte sich noch nicht dazu. Eine kurze Zeit später standen deutsche Soldaten vor ihnen und nahmen Friedrich mit. Nun wurde er doch noch in den Krieg eingezogen. Jetzt standen die schwangere Sofie und ihre Schwiegermutter mit sechs Kindern alleine da. Im April 1944 war es soweit, und das Baby wollte seine Geschwister und Eltern kennen lernen. Nach Mines Erzählungen war Oma Wilhelmine als Hebamme tätig und half dem kleinen Erwin auf die Welt. Sofie konnte die Landwirtschaft alleine nicht mehr gut bewältigen. Der Druck der Regierung wurde immer schlimmer. Sie fühlten sich langsam nicht mehr wohl in Dietzfeld und hatten Angst vor der Zukunft.

Das neue Jahr 1945 begann, und die Lage spitzte sich in Polen zu. Die Rote Armee war bereits in Polen eingebrochen. Alle deutschstämmigen Bürger wurden von ihnen verfolgt, teilweise sogar misshandelt. Sofie und Oma Wilhelmine beschlossen, so schnell wie möglich, Polen zu verlassen. Den Plan zu flüchten, setzten sie alsbald in die Tat um. Alle im Haus trugen die Habseligkeiten zusammen. Sie packten auf einen Holzwagen Futter für die Pferde, Bettwäsche, Konserven, Lebensmittel, Kleidung und Dinge für den täglichen Gebrauch. Alles andere mussten sie zurück lassen. Sofie hatte im Kopf Niederaula zu erreichen, denn da lebte ihr Bruder Friedrich. Er hatte sich nach dem 1. Weltkrieg dort sesshaft gemacht. Doch zunächst mussten sie erst einmal über die Grenze nach Deutschland kommen. Die Pferde wurden angespannt und los ging der Marsch Richtung Weißenfels in Deutschland. In Weißenfels lebte auch ein Bruder von Sofie. Sofie führte das Gespann, Oma Wilhelmine hatte den neun Monate alten Erwin auf dem Schoss. Erna und der dreijährige Hermann durften auf dem Wagen sitzen. Mine, Matthias und Maria mussten neben dem Wagen laufen. Vor ihnen lag ein Marsch, der über ein paar Monate dauern sollte. Unterwegs machten sie sich Gedanken, ob denn Sofies Brüder noch in den Orten wohnten oder ob sie überhaupt noch am Leben waren. Vielleicht wurden sie ja auch vertrieben. Wo war wohl ihr Mann zur Zeit? All diese Gedanken ließen Sofie nicht zur Ruhe kommen.

Sie kamen nur langsam voran. In den Pausen aßen sie ihre kargen Mahlzeiten und gaben den Pferden Wasser und Heu. In der Nacht konnte keiner so richtig schlafen. Immer in der Angst, dass russische Soldaten kommen würden. Unterwegs trafen sie viele andere Flüchtlinge, die Richtung der deutschen Grenze zogen. Von ihnen erfuhren sie auch, wie weit die russischen Soldaten schon in Polen eingezogen waren. Sofie kämpfte eisern weiter und ermutigte die Kinder. Sie bemerkte aber auch, dass ihre Schwiegermutter immer schwächer wurde. An einem Morgen weinte der dreijährige Hermann bitterlich. Alle fragten ihn, was er habe. Ob er krank sei oder ob ihm etwas weh tut. Hermann verneinte und schluchzte, dass er die Pferde einmal fahren wollte. Trotz der ernsten Lage mussten alle rundherum lachen.

Langsam ging ihnen das Futter für die Pferde aus. Auch ihre eigenen Konserven gingen dem Ende zu. Sie waren froh, wenn sie unterwegs von Bauern etwas zu essen bekamen und die Pferde füttern konnten. Nach unendlich gefühlten Wochen Fußmarsch, kam Weißenfels immer näher. Die deutsch-polnische Grenze wurde von Soldaten der Besatzungsmächte bewacht. Sofie reihte sich in die wartende Menschenschlange ein und hoffte ohne Komplikationen über die Grenze zu kommen. Doch weit gefehlt. Sie wurden von einem amerikanischen Soldaten zurückgewiesen. Es gab keine Chance an dieser Stelle nach Deutschland zu kommen. Doch Sofie gab die Hoffnung nicht auf und fuhr weiter. Am nächsten Grenzübergang stand ein russischer Soldat und, welch ein Wunder, er ließ sie durchfahren. Nach ein paar Kilometern waren sie endlich an ihrem Ziel, Weißenfels in Sachsen-Anhalt, angekommen. Sofie war mit ihren Kräften am Ende. Den Kindern ging es ebenso. Die Füße taten weh und müde waren sie auch. Am schlimmsten ging es Oma Wilhelmine. Sie konnte sich kaum noch aufrichten und war unheimlich erschöpft. Sofies Bruder freute sich riesig seine Schwester lebend zu sehen. Bei ihm konnten sich alle erst einmal stärken und ausruhen. Frisch gestärkt suchte Sofie eine Wohnung für die Familie. Sie wollten ein bis zwei Monate hier bleiben, ehe sie nach Niederaula weiter reisten. Durch den Verkauf der Pferde hatte Sofie nun auch wieder ein bisschen Geld in der Tasche. Oma Wilhelmine ging es täglich schlechter. Sie hatte die Strapazen der letzten Monate nicht gut verkraftet. Leider konnten Sofie, Oma Wilhelmine und die Kindern nicht in Weißenfels bleiben. Es gab keine freie Wohnung mehr. Ihnen wurde in dem nahe gelegenen Köttichau eine Bleibe zugeteilt. Also kaufte Sofie einen Handwagen und packte alles drauf, was ihnen übrig geblieben war. Zuvor schickte sie das Großgepäck schon mal nach Niederaula. Nicht wissend, ob es dort jemals ankommen würde. Oma Wilhelmine konnte diese kurze Reise aber nicht mehr machen. Sie starb in Weißenfels im Alter von 66 Jahren. Nach der Beerdigung machte sich Sofie mit den Kindern auf den Weg nach Köttichau. Matthias half seiner Mutter, den Handwagen zu ziehen. Mine lief neben her und trug den kleinen Erwin. Maria und Erna liefen ebenfalls neben her und passten auf, dass Hermann nicht vom Wagen herunter fiel. Nach knapp drei Stunden auf den Beinen, hatten sie Köttichau erreicht. Die zugeteilte Wohnung fanden sie schnell. Sofie fand einen Bauernhof, wo sie sich nützlich machen konnte. Sie bekam dafür Lebensmittel für die Familie. Die größeren Kinder mussten auf die kleineren aufpassen und sie versorgen. In einer freien Minute schrieb Sofie einen Brief an Arthur und teilte ihm mit, dass sie mit seinen Geschwistern wohlbehalten in Köttichau war. Sie wusste dass Magdeburg nicht weit entfernt lag. Kurze Zeit später stand Arthur, in seiner Soldaten Uniform, tatsächlich vor ihr. Er übernahm mit seinen neunzehn Jahren die Vaterrolle für die kleinen Geschwister. Da er nur noch einen Arm hatte, fielen ihm manche Handreichungen schwer. Er gab sich aber große Mühe, alles mit der linken Hand zu bewältigen. Ein großes Problem war, dass Arthur keine zivile Kleidung besaß. Es war nach wie vor riskant, in deutscher Uniform gesehen zu werden. Der Bauer, wo Sofie gearbeitet hatte, hatte Mitleid mit ihm und gab ihm von sich Kleidung ab.

Im Mai 1945 machte sich die Kunde breit, dass der Krieg endlich zu Ende sei. Wo war nur Sofies Mann geblieben. Lebte er noch? Sie hatte noch keine einzige Nachricht von ihm erhalten. Trotz der Ungewissheit, entschloss sich Sofie so schnell wie möglich, nach Niederaula zu kommen. Sie kaufte  Fahrkarten für den Zug und packte die Koffer. Ein letztes Mal stiegen sie in einen Zug ein. Während der langen Fahrt sahen sie viele zerbombte Häuser. Hoffentlich war in Niederaula alles in Ordnung. Nach 200 Kilometer Zugfahrt kamen sie in Niederaula an. Es sollte aber noch nicht ihr letztes Ziel gewesen sein. Vom Bahnhof war es nicht weit bis zum Haus ihres Bruders. Die Freude war groß und alle umarmten sich herzlich. Das Großgepäck war bereits unversehrt in Niederaula angekommen. Jetzt waren sie hoffentlich in Sicherheit. Ein paar Tage blieben sie bei Onkel Friedrich, dann wurden sie in Oberjossa bei dem Bauer Corell einquartiert. Hier ging es ihnen gut. Sofie, Arthur, Mine und Matthias wurden von Bauer Corell als Arbeiter eingestellt. Maria und Erna konnten nun endlich regelmäßig in die Schule gehen. Hermann und Erwin wurden auf dem Hof überall mitgenommen, dass sie nicht ohne Aufsicht waren. Sie verdienten bei dem Bauer gut, bekamen zusätzlich noch Essen für alle und für jeden einen Schlafplatz gestellt. So verging der Rest des Jahres 1945. Weihnachten konnten sie nicht so feiern, wie sie es gerne getan hätten. Der Ehemann und Vater fehlte sehr. Bis jetzt hatten sie noch kein Lebenszeichen von ihm erhalten.

Die Familie Hintz und viele andere Flüchtlinge integrierten sich gut in dem kleinen Dorf. Jeder half jedem untereinander. Sie hatten alle Arbeit und waren zufrieden. Der Frühling hatte sich langsam eingeschlichen, und die Sonne tat dem Herzen gut. Sofie hatte in der Küche gerade das Essen zubereitet und schaute dabei aus dem Fenster. Am Eingang des Hofes entdeckte sie einen Mann, der auf das Haus zukam. Beim näheren Hinsehen machte sie einen Jubelschrei. Es war Friedrich. Sie rannte zur Tür und fiel ihrem Mann glücklich um den Hals. Die Kinder überfielen ihren Papa und freuten sich, dass er endlich da war. Nur der fast zweijährige Erwin wusste nicht recht, was mit ihm anzufangen. Schließlich musste Friedrich ja vor seiner Geburt in den Krieg. Sofie gab ihrem Mann etwas zu essen und alle setzten sich um ihn herum. Sie wollten wissen, wie es ihm ergangen war. Er erzählte, dass er aus französischer Gefangenschaft direkt den Weg nach Niederaula genommen hatte. Dort habe er von seinem Schwager erfahren, dass seine Familie hier bei Bauer Corell nun wohnte. Wie gut, dass sie sich vor langer Zeit schon geeinigt hatten, wo sie ihre neues Leben beginnen wollten. Doch zur endgültigen neuen Heimat sollte Oberjossa nicht werden. Bauer Corell war froh, noch eine männliche Hilfe auf dem Hof zu haben. Da Friedrich Bauer mit Leib und Seele war, machte ihm die Arbeit großen Spaß. Vor allem war er glücklich, dass er seine Frau und Kinder wieder hatte. Mine wurde nun schon bald achtzehn Jahre alt. Sie suchte eine Arbeitsstelle und fand diese in Queck. Bei der Familie Sippel, im Schlitzerland, bekam sie eine Anstellung 1947 als Magd angeboten. In diesem Jahr gab es aber noch eine Überraschung für die Familie Hintz. Im November 1947 wurde das achte Kind, in Hersfeld, geboren. Nach Absprache aller Familienmitglieder bekam das kleine Mädchen den Namen Erika.

Erika und Erwin die sich auf dem Bauernhof nützlich machten
Hermann gefällt es in Gummistiefel zu laufen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Friedrich und Sofie hatten den Wunsch, sich nun langsam wieder etwas eigenes aufzubauen und zogen aus diesem Grund in das Schlitzerland. Nachdem sie einige Zeit in Rimbach wohnten, gingen sie nach Queck. Vorerst wohnten sie in einer Mietwohnung, und Friedrich half den umliegenden Bauern bei der Ernte. Sofie kümmerte sich um die Kinder. Arthur, Mine, Erna, Matthias und Maria gründeten in den 1950er Jahren eigene Familien. Erst in den 1960er Jahren war es dann soweit. Ihr Ziel war erreicht. Sie bezogen ihr eigenes Haus. Jetzt hatten sie eine neue Heimat gefunden. Das schöne Schlitzerland. Sie haben Atmagea nie wieder gesehen. Doch die Dobrudscha blieb in ihren Erinnerungen bestehen.

An ihrem Lebensende waren sie Eltern von acht Kindern, Großeltern von dreiundzwanzig Enkeln und Urgroßeltern von fünfzehn Urenkeln.

Sofie und Friedrich am Tag ihrer Goldenen Hochzeit

Familie Hintz legte von Atmagea, in der Dobrudscha, bis Queck, im Schlitzerland, fast 4000 Kilometer zurück.

Semlin in Serbien nennt sich heute Zemun. Dietzfeld heißt nun Dzietrzniki. Der Ort Köttichau existiert nicht mehr. Die Bewohner wurden umgesiedelt nach Hohenmölsen.

Kurzbiografie:

Friedrich Hintz * 27.10.1900 in Atmagea, Rumänien + 10.05.1988 in Queck

Sofie Hintz geborene Hinz * 14.07.1907 in Atmagea, Rumänien + 1984 in Queck

Die Kinder:

Arthur * 05.09.1925 in Atmagea, Rumänien + 04.07.2009 in Sandlofs

Wilhelmine

Matthias * 17.05.1931 in Konstanza, Rumänien + 27.06.2007 in Hutzdorf

Maria

Erna * 01.05.1936 in Colelia, Rumänien + 28.02.2011 in Queck

Hermann * 26.03.1942 in Würzburg + 17.10.2019 in Queck

Erwin

Erika * 15.11.1947 in Bad Hersfeld + 17.08.2017 in Queck

 

Ich danke Ottilie, die alle liebevoll Grebenauer Tante nannten, und Mine, die älteste Tochter, die mir ihre Unterstützung für diese Geschichte gaben.

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